Auf der Internetpräsenz ( www.lidl-fairglobe.de) profiliert sich der Lebensmittelkonzern LIDL mit dem Slogan ”Lidl unterstützt den Fairen Handel mit Entwicklungsländern“, doch die Wahrheit sieht anders aus. Ethisch fragwürdige Geschäftspraktiken des Lebensmittelkonzerns bedrohen ein nationales Entwicklungsprojekt, die Existenz von Loofah S.A. in Paraguay und damit auch die Existenzgrundlage von 144 Angestellten, tausenden Kleinbauern und Indigenen.
Nachdem das Unternehmen Loofah S.A. bereits bürokratische Probleme mit der Interamerikanischen Entwicklungsbank (IDB) zu bewältigen hat (die IDB verzögert die Auszahlung von nicht rückzahlbaren Entwicklungsgeldern für die Absatzfinanzierung), kam ein neues Problem auf das Unternehmen zu. LIDL handelt ethisch unverantwortlich, indem sich der Konzern an vertragliche Absprachen nicht hält.
Von Thomas Rottluff und Thomas Freih. von Schilling![]()
LIDL zeigt Interesse für Bio Loofah-Produkte (Naturschwämme)
Brigitte Fuzellier, Geschäftsführerin der gemeinnützigen Loofah Aktiengesellschaft (S.A.), nimmt Mitte Mai 2007 Kontakt mit der LIDL-Importabteilung auf. Der zuständige Bearbeiter Herr B. zeigt Interesse und verweist Frau Fuzellier an die LIDL-Importfirma Calin GmbH. Verschiedene Muster von Loofah-Produkten werden direkt an die LIDL-Importabteilung versendet. Ein Auswahlverfahren bei LIDL beginnt. Produkte, Mengenfeststellungen und die Verpackung werden nach Rücksprache mit 3.000 LIDL-Filialen abgeklärt. Im Juni 2007 entscheidet sich LIDL für Loofah-Tierspielzeuge als erste Produkt-Aktion.
Chronologie der Geschehnisse
22. Juni 2007 Telefonkonferenz - Herr Michael C. von der LIDL-Importfirma Calin GmbH, erteilt Loofah S.A. den mündlichen Auftrag zur Produktion von 240.000 Tierspielzeugen mit einem Auftragsvolumen von 194.400 Euro. Riesige Freude bricht unter den Mitarbeitern aus. Seit den bürokratischen Problemen mit der IDB endlich der erste Hoffnungsschimmer. Im weiteren Gespräch erklärt Herr Michael C., dass sich LIDL für die zweite Produktreihe (Loofah-Handschuhe, -Bürsten, -Gemüse und -Früchte) noch nicht entschieden hat. Wir fragen nach! Mitarbeiter der Loofah S.A., welche bei dem Gespräch zugegen waren, bestätigen die mündliche Auftragserteilung und die getroffene Aussage, mit der Produktion zu beginnen.
26. Juni 2007 - Frau Fuzellier bedankt sich schriftlich für den erteilten Erstauftrag, fragt aber gleichzeitig nach, wann der schriftliche Auftrag erteilt wird! Jedoch rückt dieser für sie wichtige Aspekt während der weiteren Verhandlungen in den Hintergrund. In weiteren Telefonaten und E-Mails werden Bankformalitäten geklärt und Abschlagzahlungen zugesichert.
02. Juli 2007 Zweite Produkt-Aktion - Herr Andreas O. von der LIDL-Importfirma Calin bestätigt, dass alle Informationen für das zweite Auswahlverfahren vorhanden sind.
10. Juli 2007 Frau Fuzellier erhält von der LIDL-Importfirma Calin ein Schreiben mit folgendem Inhalt: ”Wir machen Ihnen Anzahlungen gegen eine Bankgarantie einer Bank in Paraguay, dann bekommen Sie flüssiges Geld und müssen keine Zinsen zahlen“.
19. Juli 2007 - Andreas O. von der LIDL-Importfirma Calin fliegt für eine Woche mit den Loofah-Mustern nach China.
23. Juli 2007 Frau Fuzellier teilt Herrn Michael C. mit, dass sie schon mit den Vorarbeiten für die zweite Produkt-Aktion begonnen hat, da sie sonst den vereinbarten Zeitrahmen nicht einhalten kann.
24. Juli 2007 Michael C. teilt Frau Fuzellier per E-Mail mit: ”Bitte beginnen Sie noch nicht mit der Produktion, 1. steht noch nicht fest, welche Produkte in Frage kommen; 2. steht noch kein definitiver Aktionstermin feststeht (vermutlich nächstes Jahr).”
24. Juli 2007 Loofah S.A. übermittelt auf Wunsch von Herrn Michael C. eine Aufstellung der bereits gefertigten Tierspielzeuge an die LIDL-Importfirma Calin GmbH.
25. Juli 2007 Das Blatt wendet sich - Michael C. teilt Frau Fuzellier telefonisch mit, dass sich der erste Aktionstermin um ca. zwei Monate verschoben hat und bittet gleichzeitig um einen weiteren Preisabschlag bei den Katzenspielzeugen.
02. August 2007 Frau Fuzellier gewährt einen weiteren Preisabschlag auf das Katzenspielzeug. Eine Rückantwort bleibt man Frau Fuzellier schuldig.
30. August 2007 Nach telefonischer Anfrage erhält Frau Fuzellier die schriftliche Mitteilung, dass die zweite Ausmusterung Mitte September stattfindet und danach noch vier Wochen vergehen. In weiteren Gesprächen wurde ihr mitgeteilt, sich in Geduld zu üben und den Oktober abzuwarten.
30. Oktober 2007 Nachdem Herr Michael C. nicht erreichbar war, führt Frau Fuzellier mit dem Einkaufsleiter der LIDL-Importabteilung Herrn B. ein Telefongespräch, in dem er ihr erklärt, dass LIDL dieselben Loofah-Produkte in China viel billiger bekommt. Daraufhin erwidert Frau Fuzellier: ”Unsere Loofah-Produkte sind ja ganz anders, wir haben ein anderes Design, mit Bio-Zertifikat.” Herr B. antwortet: ”Nein, es sind genau dieselben, und solche Zertifikate kauft man einfach.” Als Frau Fuzellier die für sie brennende Frage stellt, was nun mit den 240.000 Tierspielzeugen wird, antwortet Herr B.: “Machen Sie mir einen besseren Preis, und alles weitere klären Sie bitte über unseren Importeur.”
Nach diesem Gespräch ist keiner der Ansprechpartner mehr für Frau Fuzellier erreichbar.
18. Dezember 2007 Die Aktuelle Rundschau erkundigt sich bei Herrn Michael C., dem Geschäftsführer der LIDL-Importfirma Calin GmbH, nach dem aktuellen Stand. Herr Michael C. erklärt gegenüber Herrn von Schilling, dass kaum Verhandlungen stattgefunden hätten, kein schriftlicher Auftrag erteilt worden sei, die Produkte zu teuer seien und man in Zukunft keine geschäftlichen Beziehungen mit der Firma Loofah S.A. eingehen möchte. Nach diesem Gespräch ist Herr Michael C. trotz mehrmaliger Versuche nicht mehr erreichbar.
Wir konfrontieren Frau Fuzellier mit diesem Gespräch. Entsetzen in ihrem Gesicht, ihr stehen Tränen in den Augen. Sie versucht sich zu fassen, geht in die Produktionshalle und übermittelt die niederschmetternde Nachricht den Mitarbeitern. Dramatische Szenen spielen sich ab, einige Frauen laufen laut weinend aus dem Raum, eine bedrückende Situation. Wir fragen sie, was nun werden soll! Sie sagt: Ich habe Vertrauen in Gott, und so Gott will, werden wir auch das überstehen.”
Die von uns zusammengetragenen Indizien, der geführte Schriftverkehr, die Aussagen der Mitarbeiter und die Ausführungen von Frau Fuzellier zeigen ein anderes Bild als das, was uns Herr Michael C. glaubhaft machen möchte. Mit einer Aussage hat Michael C. Recht: es gibt keinen schriftlichen Vertrag. Rein rechtlich ist da kaum etwas zu machen!
Die Verantwortlichen können sich einer abschließenden Frage nicht entziehen. Die Frage der ethisch-soziale Verantwortlichkeit!