Eine merkwürdige Tatsache in der paraguayischen Innenpolitik ist, dass bei einer Gesamtbevölkerung von ungefähr 6 Millionen Menschen, insgesamt 3 Millionen als Mitglieder bei verschiedenen politischen Parteien eingeschrieben sind.
Insgesamt sind es 3.065.984 Personen, die bei verschiedenen politischen Parteien und Bewegungen als Mitglieder eingeschrieben sind und das Wahlrecht besitzen. Sie werden alle an der allgemeinen Wahl vom 20. April 2007 teilnehmen. Die Zahlen können sich bis zum Wahlgang noch verändern.
In Paraguay zahlen die Parteimitglieder keine Beiträge, sondern sie versuchen eher, aus der Mitgliedschaft wirtschaftliche und andere Vorteile zu erhalten. Für die Parteien wiederum ist die Mitgliedschaft eine gewisse Garantie, dass die Mitglieder und ebenso ihre Angehörigen „ihre“ Partei wählen werden.
Ein Sonderfall ist die seit 60 Jahren regierende Colorado-Partei, deren Mitglieder sich hauptsächlich aus Mitarbeitern des öffentlichen Dienstes zusammensetzen. Bei jeder Veranstaltung wird ihnen nahe gelegt, dass sie nicht ihren eigenen Essenstopf durch Fuβtritte umstürzen dürften, sie seien also verpflichtet, ihre Partei zu wählen. Und im Allgemeinen scheint das auch immer gut zu funktionieren. Nach unbestätigten Meldungen werden neue Behördenmitarbeiter sofort aufgefordert, der Regierungspartei beizutreten.
Es ist nach 60 Jahren als Regierungspartei deshalb erklärlich, dass die Colorado-Partei nach den offiziellen Wählerlisten der Wahlgerichtsbarkeit als die mitgliederstärkste Partei aufgeführt wird. Sie hat 1,659 Mio. Mitglieder. Ihr folgt die ebenfalls seit mehr als 100 Jahren im politischen Leben des Landes vorhandene „authentische“ liberale Partei mit 805.000 Mitgliedern. Abgespalten hat sich eine Partei, die sich als liberale Partei bezeichnet und 6.500 Mitglieder hat.
Nach der liberalen Partei folgt an dritter Stelle die (oviedistische) „Nationalunion der ethischen Bürger“ (UNACE) mit 310.000 eingeschriebenen Mitgliedern. An vierter Stelle steht die Partei der nationalen Begegnung (PEN) mit 135.000 Mitgliedern. An fünfter Stelle folgt die (sozialistisch orientierte) Partei des „Solidarischen Landes“ (PPS) mit 28.000 Mitgliedern.
Es folgen weitere Parteien und Bewegungen, bis zur Nummer 26, einige davon nur mit wenigen hundert Mitgliedern. Die Partei, bei der sich der ehemalige Bischof und jetzige Präsidentschaftskandidat Fernando Lugo schlieβlich einschrieb, ist die christlich-demokratische Partei, die genau 1.815 eingeschriebene Mitglieder hat.
Daneben gibt es weithin unbekannte Parteien, wie die „Bewegung Rentner an die Macht“ mit immerhin 8.000 Mitgliedern, die „sozialdemokratische Partei“ mit 7.877 Mitgliedern, die „humanistische Partei“ mit 5.200 Mitgliedern und auch die „Bewegng der paranaischen Solidarität“ mit 668 Mitgliedern.
Aufsehen erregend ist bei dieser Statistik die geringe Mitgliederzahl einer Partei,die gemeinhin als bedeutend und als der Versuch eines dritten Weges angesehen wird. Die Partei des „Geliebten Vaterlands“ (PPQ) wird von dem Unternehmer des Finanzbereichs Pedro Fadul geführt. Sie hat nur 9.206 eingeschriebene Mitglieder. Noch bei der letzten Wahl war sie tatsächlich die dritte Kraft. Sie ist mit Senatoren und Abgeordneten im Parlament vertreten. Ob die niedrige Mitgliederzahl einen Niedergang dieser Partei anzeigt oder ob sie ihre Bedeutung im Wahlgang behaupten kann, wird sich erst am 20. April 2008 zeigen. Ihrem Leiter, Pedro Fadul, wird nachgesagt, dass er seine Partei in autoritärem Stil führt. Widersprüche und abweichende Meinungen sollen bei ihm nicht sehr geschätzt sein. Fadul war bis vor einigen Jahren Besitzer und Leiter eines Finanzierungsinstitutes. Von seinen Gegnern wird er gern als „Wucherer“ beschimpft. Mutmaβlich gibt es bei Fadul eine starke Bindung an die katholische Kirche. Es heiβt, dass er der Schönstatt-Bewegung nahe stehe.
Die Angaben entstammen dem Wähler-Gesamtverzeichnis der paraguayischen Wahljustiz. Sämtliche zugelassene Parteien und Bewegungen müssen laut Gesetz in internen Vorwahlen zwei Kandidaten wählen, die bei der allgemeinen Wahl für die Ämter des Staatspräsidenten und seines Vizepräsidenten antreten. Ebenso werden die Kandidaten für Gouverneursämter und die Listen der Abgeordneten und Senatoren gewählt. Kleinere Parteien verzichten meistens auf einige Kandidaturen.
Die internen Vorwahlen beginnen am 9. Dezember innerhalb der Parteien der „authentischen Liberalen“ und der christlich-demokratischen Partei. Am 16. Dezember folgen die Partei der nationalen Begegnung und die regierende Colorado-Partei. Am 23. Dezember ist das (sozialistische) „Solidarische Land“ an der Reihe. Alle kleineren Parteien und Bewegungen haben ihre interne Vorwahl am 06. Januar 2008. Schlieβlich folgt am 13. Januar die UNACE.
Es wird erwartet, dass besonders bei den Vorwahlen der Colorado-Partei und bei der „authentishen“ liberalen Partei die Aufmerkamkeit der gesamten Bevölkerung auf die landesweit verteilten Wahllokale gerichtet sein wird.