Am 16. August wird nicht nur der internationale Tag des Kindes gefeiert, sondern er ist auch ein Gedenktag der Kinder, die im Dreibundkrieg (Triple Alianza 1865-1870) am 16 August im Jahre 1869 gefallen sind.
Man könnte auf die Einzelheiten zurückgreifen und das tun, was viele hiesige Geschichtsschreiber tun: Die wahre Tragödie und das entfachte Blutbad unter einem Schleier der Heldenhaftigkeit und Kriegstugend verschwinden zu lassen.
Immer wieder heißt es, an die 3.500 Kinder, die sich als erwachsene Soldaten verkleideten, um den Gegner zu täuschen und ihn zum Kampf aufzufordern, traten „heldenhaft“ gegen ein Heer von ca. 20.000 erwachsenen, gut ausgebildeten Soldaten an.
Wenn man sich das einmal anhört und aus unserer heutigen Perspektive darüber nachdenkt, dann lässt einem dies eher die Haare zu Berge stehen als dass man dafür Verständnis aufbringt.
Vor allem sollte man sich fragen, wer ist eigentlich dafür verantwortlich gewesen?
Aus der brasilianischen Geschichtsschreibung geht hervor, dass viele der brasilianischen Soldaten, von denen die Mehrzahl Freischärler waren, des Krieges schon lange überdrüssig waren. In dem Moment, in dem sie entdeckten, dass es sich bei ihren „Gegnern“ um Kinder handelte, wurden sie von einer so unbändigenden Wut und Fassungslosigkeit gepackt, dass sie „alles“, was ihnen in den Weg lief, kurz und klein schlugen. Dies erklärt die unmenschliche gewaltvolle Antwort und den noch schlimmeren Ausgang dieser Herausforderung.
Um die Schlacht in Acosta Ñu allerdings näher zu analysieren, muss man dies im Kontext des Werdegangs des gesamten Krieges tun.
1869 war das paraguayische Heer schon dezimiert. Viele der vernünftigen Geschichtsschreiber (damit meine ich solche, die einigermaßen objektiv an die Sache herangehen, ohne falschen Patriotismus und Lobgesänge auf die „tapferen Helden“) fragen sich heute, warum López oder seine Generäle darauf bestanden, aussichtslose Schlachten weiter zu führen, die lediglich die Verluste von Paraguayern und den damit verbundenen Blutstrom vermehren würden.
Man weiß zum Beispiel heute, dass das brasilianische Heer ab ungefähr der Mitte des Krieges mit Gewehren versorgt wurde, die eine viel größere Reichweite hatten. Die im Gegensatz dazu kürzere Reichweite der paraguayischen Gewehre verursachte in den darauffolgenden Schlachten verheerende Verluste auf paraguayischer Seite, da deren Soldaten notgedrungen viel näher rücken mussten, um überhaupt eine Aussicht zu haben, dem Gegner erfolgreich entgegenzutreten.
Auch die Artillerie wies Mängel auf, die ab einem bestimmten Zeitpunkt, vom heutigen Standpunkt aus betrachtet, nur schwer auf einen Umschwung des Krieges geschweige denn einen mutmaßlichen Sieg schließen lassen konnten, wie es oft gegensätzlich in hiesigen Geschichtsbüchern behauptet wird.
Wäre es nicht einfacher gewesen, ab dem Zeitpunkt einen Waffenstillstand zu erreichen oder besser noch, einen bedingungslosen Frieden anzustreben und somit noch mehr Blutvergießen zu verhindern?
Viele Paraguayer rechtfertigen die Position und den Entschluss López’, bis zum letzten Blutstropfen zu kämpfen, mit aus der heutigen Perspektive nur schwer zu verstehenden rationalen Argumenten. Hier ließe sich leicht eine Parallele zu Hitlers Einstellung im unmittelbaren Zeitraum vor der Kapitulation am 8. Mai 1945 erkennen. Wenn man sich ein bisschen mehr mit der Geschichte Paraguays befasst, wurden auch in Paraguay während der letzten Zeit der Regierung des Mariscal López die meisten Erschießungen an „Zweiflern“ vorgenommen. („El círculo de San Fernando“ Osvaldo Bergonzi). Es hat ganz den Anschein, dass man dies sogar beabsichtigte. Im Falle von Adolf Hitler war dies ja sogar eindeutig erklärt worden (Sebastian Haffner “Hitler“).
Im Falle von Mariscal López könnte man nur spekulieren, er habe in der letzten Zeit den Verstand verloren. Die einzig mögliche Erklärung, die auch immer mehr von modernen, jungen paraguayischen Geschichtsschreibern vertreten wird und die leider viel zu oft bei den „älteren Geschichtsschreibern“ verpönt ist.
Das könnte man damit bekräftigen, dass López nicht einmal seine eigene Familie verschont habe, um das durchzusetzen, was er (im Wahn?) immer wieder laut werden ließ und was auch in vielen Geschichtswerken zu finden ist: “Keine bedingungslose Kapitulation“. Wie Hitler auch.
In seiner Realitätswahrnemung (Wahn?) wurden sogar López´ eigene Mutter und Bruder ohne jegliche Milde behandelt und fanden in der sogenannten „Verschwörung von San Fernando“ - daher der Name „Círculo de San Fernando“ - durch ein Erschießungskommando den Tod.
Wie hätte jemand, dessen Finger am Abdruck nicht einmal vor seiner eigenen Mutter zurückzuckte, Verständnis oder Mitgefühl für Kinder haben können?
Diese Wahrnehmung wurde leider wahrscheinlich auch von Generälen wie etwa dem „glorreichen“ Bernardino Caballero, späterer Gründer der Colorado Partei geteilt. Er war es nämlich, der das „Kinderheer“ anführte und es in den sicheren Tod laufen ließ.
Aber es handelt sich ja um den Vater der hiesigen Regierungspartei, die, wie man bereits weiß, schon mehr als 50 Jahre die Regierung innehat.
Auch diese Wahrheit wird in dem Zusammenhang so zurechtgeschustert, wie es politisch am besten passt, Opfer waren ja nur die Kinder.
Es lebe der internationale Tag des Kindes!