Zwistigkeiten zwischen Regierung und katholischer Kirche werden sichtbar
- Artikel vom 25.08.07 -

Paraguay - Gesellschaft

Vorhanden waren sie seit drei Jahren, die Spannungen zwischen der katholischen Kirche und dem paraguayischen Präsidenten Nicanor Duarte Frutos, denn Nicanor gehört einer mennonitischen Missionskirche an, während alle seine Vorgänger katholisch waren.

In Paraguay, dessen Bevölkerung mehrheitlich katholisch ist, kann die Zugehörigkeit zu einer anderen Religion für einen Politiker problematisch sein. Folglich hat Nicanor es in den Anfangsjahren auch vermieden, öffentlich seine Religionszugehörigkeit bekannt zu geben. Offiziell ist er noch Katholik, da er in dieser Religion getauft und gefirmt wurde. Doch ist es in den letzten Jahren durchgesickert, dass er und seine Familie der mennonitischen Missionskirche „Raices“ (Wurzeln) angehören, deren Gottesdienste sie besuchen.

Die katholische Kirche, die bis zur Verfassung des Jahres 1992 Staatskirche in Paraguay war, hat es bisher vermieden, öffentlich gegen den abtrünnigen Staatschef Front zu machen. Es wäre auch in der Öffentlichkeit mit Erstaunen vermerkt worden, da die katholische Kirche selber ein Problem mit einem abtrünnigen Führungsmitglied hat, dem ehemaligen Bischof Fernando Lugo. Dieser hat sich mit einem einfachen Abschiedsbrief, gerichtet an den Vatikan, aus dem Bischofsstand verabschiedet. Die Problematik für den Exbischof und seine Kirche liegt darin, dass der Vatikan ihn noch als (wenn auch in der Amtsausübung suspendierten) Bischof betrachtet, da er geschworen hat, diesem Stand lebenslang anzugehören, während nach paraguayischem Gesetz niemand den Exbischof zwingen könnte, gegen seinen Willen in einer Vereinigung zu verbleiben. Diese Streitfrage wird heute in Paraguay heiβ diskutiert, da im Falle der Einschreibung als Präsidentschaftskandidat der Exbischof wahrscheinlich von der regierenden Colorado-Partei gerichtlich angegriffen werden wird, um ihn aus dem Rennen zu nehmen. Denn in der paraguayischen Verfassung steht, dass kein Priester irgendeiner Religion als Kandidat auftreten darf.

Doch dieser Waffenstillstand zwischen katholischer Kirche und Regierung scheint beendet zu sein. Obwohl sie sich nach offizieller Lesart nicht in die Innenpolitik des Landes einmischt, hat die katholische Kirche nach Meinung vieler Beobachter doch in den letzten Monaten einige Initiativen ergriffen, die als politische Druckmaβnahmen aufgefasst werden. Sichtbar wurde dies am Sonntag, dem 12. August in der kleinen Stadt Limpio, in der Nähe der Landeshauptstadt Asunción.

Anlass einer kirchlich inspirierten Demonstration war einer der vielen plötzlichen Wutausbrüche des Präsidenten Nicanor, der in seinen Wahlkampfreden seine tatsächlichen oder vermeintlichen Gegner mit heftigen Worten zu beschimpfen pflegt. So hatte Nicanor schon Ende 2006, als der Wahlkampf um die Bürgermeisterposten des Landes lief, die Bürger der Stadt Limpio damit verunglimpft, dass er von diesen da sprach, die nichts weiter verstünden, als Körbe und Strohhüte zu flechten. Dazu ist zu bemerken, dass Limpio bekannt für diese Fertigung ist, dass es aber auch eine Stadt ist, in der die Anhänger der liberalen Oppositionspartei in der Mehrheit zu sein scheinen. Und dieses hatte wohl den Zorn von Nicanor ausgelöst. Aber der Ortspfarrer vergaβ diese Worte nicht.

Sorgfältig vorbereitet, begann nach der Messe am 12. August eine von Priestern und Nonnen angeführte Demonstration, mit der der Ruf der Stadt Limpio von der Beleidigung, als die die Beschimpfung verstanden wurde, gereinigt werden sollte. An die 3.500 Bürger schlossen sich an und marschierten durch die Stadt. An der Spitze der Pater Tanasio in grüner Soutane.

In seiner Predigt hatte Tanasio auf den biblischen Drachen Bezug genommen, der das Christuskind schon bei seiner Geburt verschlingen wollte. Der Staatschef hatte sich einmal selbst als „Führer“ (tendotá) ernannt, so dass der Priester dann auf den „Führer-Drachen“ Bezug nehmen konnte. Zu den geschmähten Körben, die in Limpio hergestellt werden, betonte der Priester: „Ja, Gott sei Dank gibt es in dieser Stadt die Korbherstellung, denn so haben wir etwas, um den Müll hineinzutun, den (der Führer) dem Volk anbietet. Bei dieser Regierung haben viele Kinder keine andere Möglichkeit, als in den Mülleimern zu wühlen, um ein Stück Brot nach Haus zu bringen.“ Der Priester betonte, dass man heute im Land nur noch Landsleute beobachten könne, „die sich auf den Müllhalden streiten, kranke Personen, die irgendwo abgelegt werden, denn in den Gesundheitsposten gibt es keine Medikamente und Bedienung, und dann gibt es viele Tränen auf dem Flughafen, weil Papa und Mama in andere Länder gehen, um Brot für ihre Kinder zu erarbeiten.“

Da es am selben Sonntag eine Wahlveranstaltung der regierenden Colorado-Partei in der Stadt gab, konnte der Priester auch behaupten, die Bevölkerung der Stadt habe mit der Demonstration Nicanor den Rücken zugewendet. Dabei nahm er Bezug auf die mutmaβlich üblichen Praktiken der Regierungspartei, die staatliche Angestellte zwingen soll, an den politischen Veranstaltungen teilzunehmen und vielen dafür auch ein Reisegeld zahlen soll.

Der Priester betonte, dass niemand unter Zwang und der Androhung, seinen Arbeitsplatz zu verlieren, in die von ihm gelesene Messe kam, „und noch viel weniger haben wir den Teilnehmern hier 30.000 Guaraníes angeboten! Heute müssen wir das klar aufzeigen: Die Politiker werden nicht gegen die katholische Kirche ankommen!“
Nicanor bezog sich in seiner Ansprache vor einigen Bürgern in Limpio auf zwei Priester. Er nannte den Pater José Rubio, der angeklagt ist, mutmaβlich Gelder für ein von ihm geleitetes Wohnungsbauprogramm abgezweigt und ins Ausland verschoben zu haben. Das Projekt lief in der Stadt Limpio, das Geld war aus Quellen der Europäischen Union gestiftet worden. Der Prozess von Pater Rubio läuft in diesen Tagen vor den Asuncioner Gerichten.

Nicanor rief den Zuhörern zu: „Euch hat schon einmal ein Priester betrogen, vertraut nicht wiederum einem mit einer Soutane (in Anspielung auf Exbischof Lugo), der gerne was anderes werden möchte.“ Den ehemaligen Bischof bezeichnete Nicanor dann als einen Mann, der nicht einmal eine zusammenhängende Rede halten könne. Wie wolle er dann eine Nation regieren? Schon zwei Tage vorher hatte Nicanor in Mariano Roque Alonso auf einer Wahlveranstaltung den ehemaligen Bischof geschmäht, indem er die von ihm ausgeguckte Kandidatin Blanca Ovelar anpries und auf den einen Rock (Soutane) tragenden Exbischof verwies. „Wenn wir schon jemand wählen, der einen Rock trägt, dann sollte es eine Frau sein. Wer aber einen langen Rock und eine Hose benutzt, der ist verdächtig!“

In der Ortschaft General Aquino hatte, ebenfalls auf einer Wahlveranstaltung, der Staatschef dem Exbischof vorgeworfen, während seiner Bischofszeit den Weibern nachgestellt und insgesamt 17 Kinder gezeugt zu haben. „Das einzige, was Lugo versteht, ist Straβenblockaden organisieren und jedes Weib zu verfolgen, das seinen Weg kreuzt, wobei er mehrere schwängerte, so dass es bis jetzt 17 (Kinder) im Departement (San Pedro) sind. Ich habe mich immer für einen Deckhengst (padrillo) gehalten, ja, weil wir mit meiner Frau 6 Kinder gemacht (sic) haben. Aber 17, das ist schon etwas zuviel für jeden. Ich kann mir vorstellen, wie schwierig das ist, diese Zahl von Kindern zu machen, wenn man ein langes Kleid über der Hose trägt.“