Die Unruhen von 1999 - Gott wollte, dass ich dieses Zeugnis ablege
- Artikel vom 25.08.07 -

Paraguay - Kolumne

von B. Behrens
Nachdem acht Jahre seit den Tagen des März 1999 vergangen sind, als im Verlauf gewalttätiger Demonstrationen sieben Jugendliche von bisher unbekannten Tätern erschossen wurden, geben jetzt erstmalig Teilnehmer der damaligen Demonstrationen öffentlich zu, dass die Schüsse vom Dach des Parlamentsgebäudes kamen, nicht von den Oviedisten, wie die offizielle Lesart lautet.

Nach dem Mord an Vizepräsident Argaña war es zu Unruhen auf dem Parlamentsvorplatz gekommen, da von vielen Seiten mit kräftiger Medienhilfe der Mord dem General Lino César Oviedo angelastet wurde. Oviedo, damals noch der regierenden Colorado-Partei angehörig, hatte die letzte Wahl mit groβer Mehrheit gewonnen, wurde jedoch durch gerichtliche Maβnahmen an der Teilnahme als Kandidat gehindert, so dass sein Formelbegleiter Raúl Cubas (der eigentlich Vizepräsident werden sollte) das Präsidentenamt antrat.

Diese Regierung Cubas, die nur sieben Monate amtierte, zeichnete sich dadurch aus, dass niemand ihr bis heute Korruptionshandlungen nachsagen konnte. Doch der vom ermordeten Vizepräsident Argaña geführte Flügel der Partei ruhte nach Meinung politischer Beobchter nicht, bis nach sieben Monaten der Umsturz erfolgen konnte. Viele Beobachter betonen auch, dass die US-Botschaft aktiv an den Umsturzvorbereitungen beteiligt war, indem Truppenkommandeure unter Druck gesetzt wurden. Diese Behauptungen sind jedoch unbewiesen.

Der Umsturz erfolgte, nachdem oviedistische Sympathisanten und Anhänger des Argaña-Flügels, verstärkt durch junge Leute ohne Parteizugehörigkeit, auf dem Platz vor dem alten Parlament (Cabildo) zusammenstieβen. Die tödlichen Schüsse wurden sofort den Oviedisten angelastet. Es gab auch tatsächlich einen Finanzbeamten, den man entdeckte, als er Schüsse aus einer Pistole abgab. Ob er aber jemand getroffen hat, weiβ niemand, denn an den Opfern wurden keine Obduktionen vorgenommen, und die Geschosse, die man bei Verletzten herausoperierte, sind sonderbarerweise alle verschwunden.
Nach Behauptung vieler Teilnehmer der damaligen Demonstrationen kamen die Todesschüsse vom Dach des alten Parlamentsgebäudes.

Auch wurde ein Parteigänger der Umstürzler fotografiert, der mit einem Sturmgewehr vor dem „Cabildo“ stand. Es gibt auch Aussagen einer Parlamentarierin, die bewaffneten Männern auf der Treppe innerhalb des Gebäudes begegnete. Trotzdem wurde bisher offiziell behauptet, die Oviedisten seien die Mörder gewesen. Unter dem Eindruck der Todesfälle trat Staatspräsident Raúl Cubas zurück. Ans Ruder kam Senatspräsident Luis González Macchi, der nicht zu Neuwahlen aufrief und dem Land eine nicht sonderlich erfolgreiche Regierung bescherte.

Jetzt haben drei Teilnehmer jener Demonstrationen öffentlich betont, dass sie „benutzt“ wurden, dass die Schüsse nicht von der Seite der Oviedisten, sondern von einem Gebäude kamen, das im Sektor lag, der von den Argañisten gehalten wurde – dem alten Parlamentsgebäude. César Ditrani, ein junger, heute teilgelähmter Mann, sagt, dass er zum Platz zurückkehren würde, aber „nur um die mit Fuβtritten zu vertreiben, die uns 1999 benutzt haben.“ Ditrani betonte in einem Rundfunkprogramm: „So haben die uns betrogen, mit Hilfe der Presse. Ich habe geglaubt, was die gesagt haben, als sie uns aufriefen, auf den Platz zu kommen.“

Ein weiterer Teilnehmer, der ebenfalls teilgelähmt verblieb, nachdem er von 7 Geschossen getroffen wurde, Luciano Cáceres, meint, dass er vielleicht überlebte, „weil Gott wollte, dass ich dieses Zeugnis ablege“. Der Gelähmte betont: „Man muss schon ein Idiot sein, um nicht zuzugeben, dass wir von den Argañisten während des ‚paraguayischen Märzes’ benutzt wurden. Die sieben Geschosse, die mich trafen, kamen nicht aus dem oviedistischen Sektor.“

Ein weiterer Teilnehmer, Mario Ramírez, erklärte öffentlich, dass er einem getroffenen Jungen den Finger in eine Schusswunde drückte, um die Blutung zu stoppen. Es war vergeblich, aber aus der Richtung der Schusswunde konnte man sehen, woher die Schüsse kamen. „Diejenigen, die wir verteidigten, haben auf uns geschossen.“
Im Prozess, der gegen den General Oviedo wegen mutmaβlicher Anstiftung der Morde eingeleitet wurde, hat man vor wenigen Tagen die Haftentlassung verfügt, weil innerhalb der Verfahrensfristen keine Beweise für die Schuld des Angeklagten vorgelegt werden konnten. Ebenso verfuhr man im Prozess gegen Oviedo wegen mutmaβlicher Anstiftung zum Mord am Vizepräsidenten Argaña. Oviedo ist noch im Militärgefängnis von Viñas Cué, weil noch eine Verurteilung zu zehn Jahren Gefängnis wegen eines mutmaβlichen Putschversuches im Jahre 1996 auf ihm lastet.