FILADELFIA - In den meisten Fällen vollzieht sich die Steuerhinterziehung in Paraguay dergestalt, dass beim Verkauf keine Rechnung - oder eine gefälschte Rechnung - ausgestellt wird. So wird Mehrwertsteuer gespart. Die Verkaufsbelege müssen deshalb im ganzen Land nach einheitlichen Richtlinien gedruckt und gemeldet werden.
Manchmal sieht man auch “Rechnungen”, die sehr ähnlich wie die gesetzlich vorgeschriebenen aufgemacht sind. Die meisten Kunden erkennen den Unterschied nicht, geben sich mit dieser Nachahmung zufrieden, der Verkäufer spart die Mehrwertsteuer.
Gemäß Anzeigen eines paraguayischen Unternehmers soll im Chaco bei der Genossenschaft Chortitzer Komitee etwas Ähnliches passiert sein. Dass es überhaupt bekannt wurde, kam so: Das Finanzministerium hatte eine Kampagne ins Leben gerufen, um Schulkinder zum Sammeln von Verkaufsbelegen zu ermuntern. Die gesammelten Belege sollten im Finanzministerium darauf geprüft werden, ob sie auch alle gesetzeskonform erstellt wurden. So könnte man Firmen auffinden, die gefälschte Rechnungen ausgeben. Den an der Aktion teilnehmenden Schulen wurden Preise versprochen.
In den Säcken mit Verkaufsbelegen, die aus allen Landesteilen im Finanzministerium eingingen, wurden - Presseinformationen zufolge - auch Belege des Chortitzer Komitees gefunden, die von Vertretern der Genossenschaft als “interne Belege” bezeichnet wurden, die nur zur Abrechnung bei Waren-Weitergabe von einer Abteilung zur anderen dienten. Dennoch fand sich in diesen Belegen der Vermerk “Mehrwertsteuer eingeschlossen”. Bei einem internen Beleg wäre dies sinnlos, denn betriebsinterne Warenbewegungen sind der Mehrwertsteuer nicht unterworfen. Auch erhebt sich die Frage, wie die Schüler an diese Belege kamen, um sie dann ans Finanzministerium zu schicken.
Peinlich ist die Angelegenheit für den Vizeminister für Steuereinzug Andreas Neufeld. Bis 2003, als er sein staatliches Amt antrat, war er Geschäftsführer eben jener Genossenschaft. Bis jetzt betont er, im Finanzministerium habe man die eingesandten Belege noch gar nicht durchgesehen, aber er würde niemanden decken oder bevorzugt behandeln. Ansonsten hüllt er sich in Schweigen. Wie der oder die Belege in die Hände der Personen kamen, die die Anzeige erstatteten, ist bisher ungeklärt.
Als bei einem Arbeitsessen, an dem der Vizeminister und Unternehmer teilnahmen, diese Angelegenheit zur Sprache kam, betonte der Vizeminister, dass er jeden Abend für jenen Mann bete, der die Anzeige erstattete. Dieser ergriff daraufhin das Wort um zu erklären, dass er ebenfalls für den Vizeminister bete. Die sich ergebende Heiterkeit, vermischt mit einem Pfeifkonzert, verhinderte auch bei dieser Gelegenheit eine Klärung.