Ein Einblick in die Arbeit der „Comisión de verdad y justicia“über die Folgen der Menschenrechtsverletzungen und Folterungen während der Stroessner-Ära
R. Behrens im Gespräch mit Juan Diaz Bordenave und Dr. Carlos Arestivo von der ”Comisión de Verdad y Justicia.
Juli 1987. Da stand ich also in Dachau. Vor mir ein bis in unsere Tage bewahrtes ehemaliges KZ-Lager in der Nähe Münchens. Ein Denkmal, dessen Aufgabe es ist, uns ständig ins Gedächtnis zu rufen, was der Mensch in der Lage ist zu tun, und dass es Menschen gibt, die dies mit tragen und sogar wissend verneinen.
Das Gefühl, das bei dem Besuch entsteht, ist unheimlich. Die Gänge, Hallen und Gaskammern zu besuchen ist unbeschreiblich. Man wird von einem Gefühl der Machtlosigkeit, Mutlosigkeit und maßlosen Traurigkeit erfasst. Trost findet man teilweise in der Tatsache, dass Deutschland sehr viel unter-nommen hat, um mit dem Teil dieser Geschichte ins Reine zu kommen.
Dennoch hätte ich es mir nie vorstellen können, dass ein solches Gefühle in einem kleinen Land wie Paraguay wieder wach wird.
2006, März. Besuch bei der „Comisión de Verdad y Justicia”.
Ich wurde sehr herzlich von Herrn Bordenave und Dr. Carlos Arestivo empfan-gen. (Dr. Carlos Arestivo ist einer der Folteropfer der Stroessner-Diktatur). In spärlich eingerichteten Räumen wurde ich Zeuge einer liebevollen und ehrwürdigen Gastfreundschaft, die kaum das Leiden durchblicken lässt, das viele der Personen durchgemacht haben, die heute für die Comisión arbeiten.
Während eines ca. 45-minütigen Gesprächs habe ich die Möglichkeit gehabt, die Kommission näher kennen zu lernen.
Ihre Aufgabe ist es unter anderen, die während der Stroessner-Diktatur began-genen Staatsverbrechen aufzudecken und die Wiedergutmachung für eine große Anzahl von Familien in die Wege zu leiten, die heute unter dem Verlust von Kindern bzw. Eltern leiden.
Unterstützt werden sie dabei - nicht gerade von ihrer eigenen Regierung - aber siehe da, in weitem Umfang von der Deutschen und Schweizerischen Bot-schaft.
„In den Fällen von Paraguay und El Salvador“ meint Herr Bordenave „ist etwas passiert, was bei der Untersuchung der Staatsverbrechen, die während der Zeit der Militärdiktaturen in Lateinamerika begangen wurden, in anderen Ländern nicht der Fall ist. Und zwar ist in diesen Ländern der Täter auch der Richter.
Die Colorado Partei war schon an der Macht zu der Zeit, in der die Folterhand-lungen und unaufgeklärte Fälle von vermissten Personen durch die damalige Polizei bzw. das Militär stattgefunden haben. Kein Wunder, dass es da an fi-nanziellen Mitteln ständig fehlt und kein Wunder, dass jede Handlung mehr oder weniger mit Schikanen und anderen, während der Diktatur gut ausgereif-ten und am Rande der Legalität entwickelten Methoden ständig sabotiert wird.
Die Arbeit wird dennoch von einigen Vertretern der Regierung wie zum Beispiel der Außenministerin, allerdings im Alleinverfahren, unterstützt.
Was am meisten zum Vorschein kommt und was einen am meisten betrübt und deprimiert ist das Gefühl der Nachlässigkeit hinsichtlich der Verwandten der Opfer.
Bis heute wissen viele Familien nicht, was aus ihren Vätern, Müttern, Brüdern oder Töchtern geworden ist. Bis heute weiß man in vielen Fällen nicht einmal, wo diese begraben sind und ob sie überhaupt begraben wurden oder anders beseitigt wurden.
Die Kommission hat sich deshalb an die Secretaría de Derechos Humanos in Argentinien gewendet, die ihr bereits die Entsendung einer Gruppe von ge-richtsmedizinischen Spezialisten zugesichert hat. Dennoch ist damit nicht alles getan. Die Bergungsarbeiten der Opfer können nur erfolgreich durchgeführt werden, wenn man über eine moderne genetische Datenbank und das hierfür notwendige Instrumentarium verfügt, welches die Identifikation der Leichen. bzw. Reste ermöglicht.
„Es ist schwer, Untersuchungen durchzuführen“, beklagt sich Dr. Arestivo, „wenn man kaum einen Anhaltspunkt hat. Die einzige Information, auf die wir zurückgreifen können, ist die der Polizei oder des Militärs: der sogenannte „Archivo del Terror“. Aber auch diese ist unzureichend, da aus keinem der Do-kumente ersichtlich wird, welche Personen wen ermordet oder beseitigt haben. Viele der Folterer im Greisenalter warten nur darauf, ungeschoren bis zu ih-rem Tod davon zu kommen, und andere sind bereits gestorben. Und diejenigen, die glimpflich von einer Regierungsform in die andere geschleust wurden, sind natürlich bemüht, ihre Vergangenheit so gut wie möglich geheim zu halten.
„Deshalb versucht man, an Leute heran zu kommen, die nicht direkt beteiligt, aber mit dem Opfer unmittelbar vor oder nach dessen Tod in Kontakt waren, wie zum Beispiel der Fahrer, die Totengräber, usw. Das kostet Zeit und Geld.“ Beides Dinge, die die Kommission nicht gerade auf Lager hat, wenn man bedenkt, dass sie unter ständigem Druck der Familienangehörigen der Opfer ist und ihr Finanzhaushalt gerade bis April diese Jahres ausreicht.
Eine Mammutsarbeit, wenn man hinzuzählt, dass die Untersuchungen die Zeitspanne von 1954 bis 2003 umfassen.
Um über alles zu berichten, was dieses Kapitel paraguayischer Geschichte angeht, bräuchte man nicht nur mehr Seiten, sondern vor allem stärkere Nerven.
Nachdem ich mich verabschiedet habe, laufe ich durch die Gänge des Hauses, an deren Wänden die Bilder der „Desaparecidos“ hängen. Dabei habe ich genau das gleiche beklemmende Gefühl wie damals, als ich durch die kahlen Zimmer und Gänge des KZs in Dachau lief.
Der letzte Gedanke, bevor es wieder in den Alltag geht, ist:
Vermisste Personen und Folteropfer sind keineswegs etwas, was nur ei-nem Land, einer Kultur zugeschrieben werden kann. Der Unterschied liegt im Wesentlichen darin, wie sehr wir uns, dort wo wir leben, um sie küm-mern.