Wofür brauchen wir eigentlich die Zentralbank!
- Artikel vom 10.11.06 -

Paraguay - Wirtschaft, Paraguay - Politik

So lautete der Titel einer ganzseitigen Zeitungsanzeige der paraguayischen Industriellenunion (UIP). Sie protestiert gegen die Wechselkurs- und Finanzpolitik der Zentralbank, und sie will ihren Mitgliedern vorschlagen, sich dem Import zu widmen oder das Land zu verlassen.

Die Zentralbank wird von Präsidentin Mónica Pérez geleitet. Der dazugehörende Vorstand, bestehend aus 5 Mitgliedern, fehlt zurzeit, da fast alle Mitglieder durch Rücktritt ausschieden. Das Gesetz erlaubt der Präsidentin in einem derartigen Fall, allein die Geldpolitik zu leiten. Für welche Zeitspanne ist dieser provisorische Zustand annehmbar? Darüber streiten die Fachleute noch, die allerdings darauf hinweisen, dass dieses Provisorium bereits einige Monate dauert.

Frau Mónica konzentriert ihre Arbeit vollkommen auf die Inflationsbekämpfung. Es gab sogar drei Monate hintereinander eine Deflation im Land. Sie erreicht ihr Ziel durch die Ausgabe von (verzinsten) „Regulierungswechseln“, die den Handelsbanken zwecks Kaufkraftabschöpfung angeboten werden. Diese Maßnahme erfüllte ihren Zweck, führte aber auch zu einer Aufwertung der nationalen Währung, des Guaraní. Die Devisennotierungen, besonders die der Leit- und Reservewährung US-Dollar, sanken auf nie für möglich gehaltene Tiefstwerte. Der Dollar hatte schon einmal an der Marke von 8.000 Guaraníes gekratzt, heute ist er auf 5.400 Guaraníes abgesunken. Nach den Klagen der Industriellen gingen die Gewinne der Exporteure in den Keller, weil man bei Exportlieferungen nicht mehr konkurrenzfähig sei. Aber auch die Industriebetriebe, die nur für das paraguayische Inland produzieren, würden wegen der zunehmend günstigen und billigen Importkonkurrenz aus dem Rennen geworfen. „Als Folge erhöhten sich die Importe um 80% gegenüber demselben Vorjahreszeitraum, während unsere Exporte nur um 12% wuchsen, womit das Handelsbilanzdefizit erheblich anwächst“, heißt es in der Verlautbarung der UIP. Der Präsident der „Union der Produktionsgremien“, Héctor Cristaldo, erklärt: „Die Situation ist jetzt für den Produktionsbereich an extreme Grenzen gelangt. Im März, wenn diese Linie eingehalten wird, ist der gesamte paraguayische Produktionsbereich stillgelegt.“

Die als brutal empfundene Politik der Zentralbankpräsidentin hat ihren Preis. Das Volumen der „Regulierungswechsel“ stieg von 1,595 Mrd. Guaraníes (September 2005) auf 3,232 Mrd. Guaraníes (610.000 US$). Zum Vergleich: Die gesamten Devisenreserven der Zentralbank werden heute mit 1,55 Mrd. US$ angegeben. Die für „Regulierungswechsel“ gezahlten Zinsen stiegen von 6,9% auf 12% p.a. Gleichzeitig stiegen die Zinsen für Entwicklungskredite an Industrie und Landwirtschaft von 10% auf 14% p.a. Es gibt heute Handelsbanken in Paraguay, die lieber in „Regulierungswechsel“ als in Kredite an Handel und Industrie investieren, denn das Ausfallrisiko ist bei den „Regulierungswechseln“ gleich Null.

Mit dieser Politik entzieht die Zentralbank hohe Summen dem heimischen Geldkreislauf. Mit Stützungskäufen für den am Boden liegenden Dollar würde sie jedoch hohe Summen in Landeswährung hineinpumpen. Das hätte inflationäre Auswirkungen, und das eben will Frau Mónica nicht. Dazu merken Fachleute an, dass auch die hohen Zinszahlungen (12% p.a.) für die „Regulierungswechsel“ inzwischen inflationäre Auswirkungen hätten. Ein Teufelskreis? Und wie lange kann das noch klappen? Die Monats-Inflation im September lag schon bei 1,6%. Und im Oktober waren es 2%.

„Falls diese Geldpolitik und die angeführten Ungereimtheiten weiter laufen, werden wir unseren Mitgliedern und allen nationalen Produzenten empfehlen, sich dem Import zu widmen (einschließlich Rindfleisch, Bohnen und Maniok), und als Alternative, ins Ausland zu ziehen, um zu überleben. Oder vielleicht – noch besser – dass wir alle in der Zentralbank um Asyl nachsuchen und uns dort als Angestellte einstellen lassen, denn dort ist die letzte Bastion, die noch bestehen bleibt, wenn die Republik wieder mal kaputt gemacht wurde, um sie danach mit den verbliebenen Resten neu zu gründen“, heißt es in der Verlautbarung der UIP.

Staatspräsident Nicanor Duarte Frutos unterstützt bis jetzt seine Zentralbankpräsidentin auf Biegen und Brechen. Dazu erinnern Beobachter an eine auch in Ländern der Ersten Welt bekannte Maxime: Einer Regierung, die sich mit den Unternehmern anlegt, stehen Kalamitäten ins Haus.