Der Supermarktbrand Ycua Bolanos - Asuncion
- Artikel vom 13.09.06 -

Paraguay - Gesellschaft, Kolumne

Ich traf meinen Freund D. an einem 4. August. Wir hatten uns schon etwa 8 Jahre lang nicht mehr gesehen. Wir feierten die Wiederbegegnung mit einer langen, innigen Umarmung und fingen an, über die guten, alten Zeiten zu reden. Ich merkte aber bald, dass etwas auf seinem Gemüt lastete. Er schien ein wenig die Freude verloren zu haben, die ihn sonst von allen anderen unterschied. Ich merkte, er versuchte darüber hinweg zu täuschen, aber der Aufwand war auffälliger als das Ergebnis.
Nach einer Weile verabschiedeten wir uns unter der Bedingung, nicht zu viel Zeit verstreichen zu lassen, bis wir uns wiedersehen.
Der Zufall (wenn es Zufälle gibt) wollte es, dass wir uns schon eine Woche später wieder begegneten. Ich brauchte seine Hilfe. Er holte mich ab, und wir fuhren zu seinem Bruder. Ich begrüßte seinen Bruder, und wir fuhren zusammen weiter. Im Auto herrschte eine atemberaubende Stille. Keiner sagte etwas, und ich traute mich nicht, diese Stille zu unterbrechen.
Endlich, nachdem der Bruder nicht mehr anwesend war, besiegte mich die Neugierde, und ich fragte D., was eigentlich los sei. Er sagte mir, die Familie seines Bruders (2 Kinder, seine Frau, sein Schwiegervater und seine Schwiegermutter) seien bei dem Brand im Supermarkt Ycua Bolaños vor ca. 2 Wochen ums Leben gekommen. „Es ist, als ob man einen Teil seiner Seele amputiert hätte“, kommentierte er weiter. “Wir befürchten, er will den Seinen in den Tod folgen. Ein Zustand, dem wir machtlos ausgeliefert sind. Es ist schwer, einen Trost zu finden“.
Ycua Bolaños ist ein Kapitel in der paraguayischen Geschichte, das direkt oder indirekt einen großen Teil der Bevölkerung in Asunción betroffen hat. Sei es durch familiäre Bindungen, freundschaftliche Beziehungen oder gar betriebliche, die „Geister“ schweben weiterhin unter uns. Deswegen wundert es keinen, dass wenige Leute sich mit dem Prozess wirklich befassen. Es bringt halt wieder viel zu viel Schmerz hervor.
Dennoch ergibt sich die schwierige Situation, dass die für die Tragödie verantwortlichen Personen zur Rechenschaft gezogen werden müssen, was notgedrungen zur Aufzählung der Einzelheiten führt und somit zur Wiederbelebung der Tragödie.
„Was wird am Ende bleiben?“ ist die Frage.
Viel ist nicht damit geholfen, Herrn Paiva und seinen Sohn für 25 Jahre hinter Gitter zu setzen. Wohl mag dies einige Gemüter besänftigen, aber zu einer wirklichen Wiedergutmachung führt es auch nicht.
Die paraguayische Justiz steht einer äußerst schwierign Herausforderung gegenüber, wobei ihr Ruf diese Aufgabe nicht gerade erleichtert.
Sie muss das Leid der Betroffenen anhören und berücksichtigen. Sie muss aber auch die Argumente der Verteidigung anhören. Diese hat von Anfang an auf „Unschuldig“ plädiert und sich geweigert, irgendwelche Verantwortung für das Geschehen zu übernehmen. Mit öffentlichen Auftritten im Fernsehen und anderen Medien versucht der ehemalige Staatsanwalt Escobar Faella, als Verteidiger der Familie Paiva mit an den Haaren herbeigezogenen, mutmaßlichen Expertenberichten, Zeugenaussagen und den natürlich üblichen, allen hier im Lande bekannten Schickanen, seinen Klienten einen möglichst glimpflichen Ausgang zu verschaffen. Dass das nur noch mehr Wut und Schmerz bei der anderen Seite bewirkt, ist verständlich. Man muss sich fragen, ob bei einer so offensichtlichen groben Fahrlässigkeit es vielleicht nicht ratsamer gewesen wäre, auf „Schuldig“ zu plädieren und später die Strafe und deren Ausmaß mit den Überlebenden und Angehörigen der Opfer zu verhandeln.
Aber wie man hier zu Lande sagt, die „Justiz des großen Mannes kennt keine Skrupel, nur Geld“, und genau darum geht es ja eigentlich.
Man kann es den Betroffenen nicht verdenken, Geld als Entschädigung erhalten zu wollen. Viele von ihnen hat das Schicksal schwer getroffen. Bares Geld ist aber nicht gerade die Lösung. Der Ursprung dieses Geldes ist jedem bekannt.
Vielleicht wäre es besser, ein Gerichtsurteil zu fällen, das beide Seiten verpflichtet, die Seelen der Verstorbenen zu ehren und die Lage der Lebenden zu erleichtern. Mit der Gründung einer Stiftung etwa, die aus einem Teil der zukünftigen Erträgen des Supermarktes finanziert wird und Leistungen anbietet wie gesundheitliche Versorgung, Altersvorsorge, Ausbildung usw.
Das ist vielleicht die einzige Möglichkeit, gemeinsam etwas für alle zu tun, die lang ersehnte Harmonie wiederherzustellen und den Schmerz so zu lindern, dass nur noch die Zeit über ihre Intensität entscheidet.