Medizinischer Notstand - Paraguayische Frauen gehen zwecks Geburt ins Nachbarland
- Artikel vom 16.07.06 -

Paraguay - Allgemein, Paraguay - Gesellschaft, Argentinien

[AR] ASUNCION - Bekannt ist, dass an der paraguayischen Ostgrenze viele kranke Personen über die grüne Grenze gehen, um sich in brasilianischen Krankenhäusern behandeln zu lassen. Auch viele Schulkinder gehen auf die brasilianische Seite in die besser ausgerüsteten brasilianischen Schulen. Aber auch ganz in der Nähe von Asunción gibt es dieses Phänomen. Viele Leute gehen nach Argentinien, wenn sie krank sind. Viele paraguayische Kinder werden in Argentinien geboren.

Für amtliche paraguayische Stellen ist dies eine bedauerliche Tatsache, denn die im benachbarten argentinischen Clorinda geborenen Kinder sind automatisch argentinische Staatsangehörige. Denn in den südamerikanischen Ländern gilt das “ius soli”, das Recht des Bodens. Wer in Argentinien geboren wird, ist argentinischer Staatsbürger, auch wenn er später nie wieder in jenes Land zurückkehrt. Für die nationalstolzen paraguayischen Beamten ein Grund, möglichst wenig über diese Sachen zu sprechen. Denn es dreht sich um die jämmerliche Ausstattung der paraguayischen Gesundheitsposten und die sehr gute Ausstattung und Bedienung gegenüber.

Die argentinische Stadt Clorinda liegt gegenüber dem paraguayischen Nanawa, getrennt durch den schmalen Grenzfluss Pilcomayo. Im argentinischen Krankenhaus in Clorinda trifft man paraguayische Patienten aus allen Städten des Landes. Die meisten kommen aber aus Nanawa. Der Grund ist klar, sobald man sich den staatlichen Gesundheitsposten in Nanawa ansieht. Es gibt keine Toilette, seit zwei Monaten kam kein Sauerstoff mehr. Bei Geburten kann es also Komplikationen geben. Die Ärzte bedienen nur tagsüber, Reinigungspersonal ist nicht vorhanden.

Gegenüber gibt es das moderne Krankenhaus, in dem auch paraguayische Bürger unterschiedslos und vollkommen kostenlos behandelt werden. Kein Wunder, dass man oft Frauen mit dickem Bauch beim Grenzübertritt sieht. Sie gehen für die Geburt in das argentinische Krankenhaus, wo alles so wohl geordnet und gratis ist. Und das Neugeborene, schon als argentinischer Bürger eingetragen, bekommt dann noch für die ersten sechs Monate seines Lebens gratis seine Ration einer besonders geeigneten Milchsorte. Auch die Medikamente werden gratis ausgegeben, wohingegen in den paraguayischen Staatskrankenhäusern die Patienten in vielen Fällen gezwungen sind, die Medikamente auf eigene Kosten zu beschaffen.

In Clorinda werden im Durchschnitt jeden Monat 27 Babys geboren und als Argentinier eingetragen, die eigentlich in Paraguay zur Welt kommen und paraguayische Bürger sein sollten.